grey time
ist ein Künstlerduo bestehend aus Jeremias Altmann und Andreas Tanzer, das seit 2013 gemeinsam arbeitet. Beide schaffen in einer medienübergreifenden Arbeitsweise einzigartige Bildwelten aus Zerfall und Ruin. Von großformatigen Gemälden, feinlinige Grafiken über Skulpturen bis hin zu installativen Arbeiten sind den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten dabei kaum Grenzen gesetzt.
Ihren Werken gehen keine Skizzen oder Entwürfe voraus, vielmehr entstehen sie ausschließlich durch ein gemeinschaftliches Arbeiten im Moment selbst. Ein Für- und Gegeneinander, das die individuelle Handschrift zugunsten einer gemeinsamen Bildsprache aufgibt. Für jedes neue Werk ziehen sich die beiden Künstler für mehrere Tage ins Atelier zurück, abgeschirmt von der Außenwelt, um eine Arbeit prozesshaft entstehen zu lassen.
Der Gedanke des Gemeinsamen steht dabei in starkem Kontrast zu den Werken, die wie ein dystopischer Blick in die Glaskugel einer nicht allzu fernen Zukunft wirken. Sie zeigen eine Zivilisation in Schutt und Asche, deren Ruinen als stumme, steingewordene Mahnmale einer zerstörerischen und besitzergreifenden Spezies fortbestehen. Die Arbeiten sind dabei weder als Fingerzeig noch als Vorwurf zu verstehen. Vielmehr begreifen sie den Verfall als archaisches Grundprinzip, das sich jeder eindeutigen zeitlichen Verortung entzieht und gerade dadurch universell erscheint. In dieser Perspektive wird die Vergänglichkeit nicht als Ausnahme, sondern als grundlegender Bestandteil menschlichen Seins in der Welt erfahrbar.
Werke von grey time wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt, unter anderem im Bildraum 01 Wien, im Kunsthistorischen Museum Wien, im Künstlerhaus Wien oder in der Kunsthalle Luzern.
Jeremias Altmann
(*1989 in Wien) studierte zunächst Druckgrafik an der WienerKunstSchule und anschließend Grafik und Druckgrafik an der Universität für angewandte Kunst Wien, wo er 2015 sein Studium abschloss.
Altmann arbeitet an der Schnittstelle von Zeichnung, Grafik, Malerei und Skulptur. Inhaltlich setzt er sich mit den Wechselwirkungen von Mensch, Maschine und industrieller Entwicklung auseinander. Ein wesentlicher Ausgangspunkt seiner Arbeit sind seine Kinderzeichnungen, die er neu interpretiert sowie Reisen zu aufgegebenen Industrieanlagen und vergessenen Produktionsstätten in ganz Europa. Die dort vorgefundenen Relikte, Materialien und Geschichten vergangener Arbeitswelten dienen ihm als Grundlage für künstlerische Auseinandersetzungen, die sowohl in zweidimensionalen Werken als auch in skulpturalen Arbeiten ihren Ausdruck finden.
Seine Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt, darunter in Wien, London, Paris, New Delhi und Shanghai. Jeremias Altmann lebt und arbeitet in Wien.
www.jeremiasaltmann.net
Andreas Tanzer
(*1987 in Rohrbach, Oberösterreich) studierte Malerei und Grafik an der Kunstuniversität Linz, wo er 2016 sein Studium abschloss. Ein Studienaufenthalt führte ihn 2015 für ein Jahr an die University of the West of England in Bristol.
Im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit stehen Fragen nach menschlicher Existenz, Erinnerung und gesellschaftlichen Zuständen. Ausgehend von persönlichen Eindrücken, historischen Bezügen und aktuellen Ereignissen entwickelt Tanzer vielschichtige Bildräume, in denen sich Realität und Imagination überlagern. Seine oftmals surrealen und dystopisch wirkenden Kompositionen greifen Themen wie Gewalt, Verletzlichkeit und Vergänglichkeit auf und verbinden diese mit kunsthistorischen Referenzen. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen den kulturellen Errungenschaften des Menschen und seinen destruktiven Potenzialen.
Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Österreich, England, Frankreich, Griechenland und der Schweiz präsentiert. Andreas Tanzer lebt und arbeitet in Wien.
www.andreastanzer.com
PRESSETEXT – Museum Angerlehner
„Ich fühle wie die graue Zeit durch mich zieht.
Sie höhlt mich aus.
Sie bleicht meine Träume.
Sie zieht schon so lange durch mich.“
Mit diesen Worten beschreibt Hans Arp um 1943 in seinem Gedicht Die graue Zeit eine Erfahrung, die weniger als historischer Moment, denn als Zustand verstanden werden kann. Das Gedicht entstand im Umfeld der Katastrophen des 20. Jahrhunderts und zugleich aus einer persönlichen Erfahrung des Verlusts. In dieser doppelten Perspektive wird eine Stimmung von Erschöpfung, Verunsicherung und innerem Zerfall sichtbar. Die graue Zeit erscheint nicht nur als Bezeichnung einer Epoche der Zerstörung, sondern als ein Zustand, der sich im Inneren der Menschen manifestiert und ihre Wahrnehmung der Welt verändert.
Arp greift dabei auf eine Begrifflichkeit zurück, die kein feststehender Terminus der Philosophie oder Kunstgeschichte ist, sondern metaphorisch eine Erfahrung der Moderne verdichtet. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen tradierte Sinnsysteme zu erodieren, während neue Ordnungen noch nicht gefestigt waren. In dieser Zwischenlage entstand ein Zustand der Vorläufigkeit, der sich weder eindeutig als Aufbruch noch als Ende beschreiben lässt. Grau erscheint dabei als Farbe ohne klare Zuordnung und verweist als ästhetische Figur auf Entfremdung, Entzauberung und moralische Unbestimmtheit. Auch Arp verbindet das Graue mit den Bedingungen der modernen Welt und beschreibt im Umfeld des Dadaismus eine Gegenwart, die von Rationalisierung, Mechanisierung und Krieg geprägt ist. Die graue Zeit erscheint als entseelte Wirklichkeit und zugleich als Raum des Übergangs.
Rund sieben Jahrzehnte später greifen Jeremias Altmann und Andreas Tanzer den Begriff als Künstlerduo erneut auf und übertragen ihn unter grey time in einen zeitgenössischen Kontext. Ausgehend von der Frage nach Vergänglichkeit und nach den Spuren menschlicher Existenz entwickeln sie ihre Arbeiten in enger Zusammenarbeit, in der individuelle Autorschaft zugunsten einer gemeinsamen Werkschöpfung zurücktritt. Neben Druckgrafiken und skulpturalen Arbeiten bildet vor allem die Malerei den Schwerpunkt ihres Schaffens. Entscheidungen entstehen aus einem fortlaufenden Dialog zwischen zwei Positionen, der sich unmittelbar auf der Bildoberfläche einschreibt. Der Entstehungsprozess ist von intensiver Konzentration geprägt, wobei die Künstler über mehrere Tage hinweg gemeinsam und abgeschieden an ihren Gemälden arbeiten und ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Akt des Malens richten. Der Verlauf eines Bildes bleibt lange offen und entwickelt sich aus Reaktionen auf bereits gesetzte Spuren.
Charakteristisch für die Arbeiten von grey time ist die konsequente Beschränkung auf Grautöne, die nicht allein als Farbe, sondern als atmosphärische Grundlage der Bildwelten fungieren. In diesen Räumen entstehen Landschaften, architektonische Fragmente und abstrakte Strukturen, die sich keiner eindeutigen Zuordnung fügen. Titel einzelner Arbeiten eröffnen zusätzliche Bedeutungsebenen, indem Begriffe wie „Strafkolonie“ literarische und historische Assoziationen hervorrufen und auf Fragen von Macht, Gewalt und Verantwortung verweisen. Die Bildräume erinnern mitunter an postapokalyptische Szenarien, an Relikte menschlicher Zivilisation oder an Orte im Zustand der Transformation, in denen sich Vorstellungen von Vergänglichkeit und Veränderung verdichten.
Viele Werke entstehen in monumentalen Formaten. grey time greift damit eine kunsthistorische Tradition auf, verschiebt jedoch ihren thematischen Fokus, indem an die Stelle heroischer Erzählungen Szenen des Zerfalls und der Transformation treten. Vor diesem Hintergrund erhält auch der Titel der Ausstellung eine besondere Bedeutung. TRAGLAST verweist zunächst auf die Geschichte des Ausstellungsortes, in dem ein Schwerlastkran mit einer Tragfähigkeit von zehntausend Kilogramm installiert ist, lässt sich jedoch ebenso als Hinweis auf die metaphorische Schwere der dargestellten Bildwelten verstehen. Die Arbeiten richten den Blick auf Zustände der Belastung und Fragilität und thematisieren Momente, in denen bestehende Strukturen an ihre Grenzen geraten und ihre Stabilität infrage gestellt wird, wodurch TRAGLAST auch auf gegenwärtige Belastungsproben moderner Gesellschaften verweist.
Im Museum Angerlehner wird diese künstlerische Auseinandersetzung unmittelbar erfahrbar. Mit über 8 Metern Höhe und 15 Metern Breite schaffen die Künstler vor Ort in knapp zwei Wochen das bislang größte im Museum Angerlehner gezeigte Gemälde, das damit zu den monumentalsten zählt, die jemals museal in Österreich präsentiert wurden. Besucherinnen und Besucher begegnen dabei nicht nur fertigen Kunstwerken, sondern auch den Spuren des Entstehungsprozesses, die jedem Werk zugrunde liegen, sodass der Blick zuletzt wieder auf jene Farbe fällt, die den Arbeiten von grey time zugrunde liegt, dem Grau. Es entzieht sich der klaren Zuordnung und steht in einer von Polarisierungen geprägten Gegenwart für Ambivalenz, Komplexität und die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.
Die Bildwelten von grey time bewegen sich in diesem Zwischenraum, zeigen keine eindeutigen Lösungen und eröffnen Landschaften der Unsicherheit und einer offenen Zukunft. In diesem Sinne wird TRAGLAST zu einer Metapher für eine Zeit, in der sich zeigt, welche Belastungen eine Gesellschaft zu tragen vermag.
Kurator: Antonio Rosa de Pauli